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Mach dir ein Bild


Die Werbung bestimmt, wie Touristen die Welt sehen: Ein Fotoprojekt versucht sich am Beispiel Tirols an einer neuen Sicht der Dinge

Eine Bushaltestelle in der Abenddämmerung. Auf dem Dach sitzen vier Jungs in T-Shirts und lassen die Beine baumeln. Einer zündet sich eine Zigarette an. Unten am Wartehäuschen lehnen zwei Mädchen und ein Junge. Motorräder stehen auf dem Asphalt. Im Hintergrund eine Wiese und ein fast nachtschwarzer Wald. Auf den ersten Blick düster, vermittelt das Foto, irgendwo im sommerlichen Tirol aufgenommen, eine den Betrachter bald einnehmende Stimmung von Freiheit und Freizeit, von Sehnsucht nach Landleben und Erinnerung an ähnliche, selbsterlebte Abende. Eigentlich ein ideales Werbemotiv. Doch würde wohl kein Tourismusort das Foto für eine Kampagne verwenden. Zu dunkel, zu viel Asphalt und dann auch noch die Motorräder – das passt doch nicht ins Bild! Jedenfalls nicht in jenes, das Maler, Heimatfilmer und Werbefotografen seit der Romantik in unsere Köpfe hämmern. Dennoch ist das Foto Teil einer Ausstellung, die von der Tirol Werbung finanziert wird: „Sight-Seeing – Bildwürdigkeit und Sehenswürdigkeit“. Kurator WolfgangScheppe möchte damit die gängigen Tirol-Klischees hinterfragen und die Werber versprechen sich durch das Projekt einen Fundus von neuen, weniger verkitschten, also glaubwürdigeren Tirol- Bildern. Sieben erfahrene Fotografen wurden hierzu im vergangenen Sommer hinaus ins Land geschickt. Anders als gewohnt standen sie diesmal nicht in Konkurrenz und sollten auch nicht möglichst verwitterte Almhütten mit möglichst schönen, jungen Menschen davor in Szene setzen. Einzige Vorgabe war, die Themen Bergnatur, Wald, Menschen abzudecken. Sonst hieß es nur: „Geht hinaus. Schaut es euch einfach an! Wandert!“ Das haben sie getan, jeder auf seine Weise. Aus dem so erzeugten Bildarchiv bestückten der Kurator und der federführende Fotograf Jörg Koopmann die zurzeit in Innsbruck zu sehende Ausstellung. Aus demselben Fundus will die Tirol Werbung Motive für ihre Sommer-Kampagne in diesem Jahr wählen. Das sei einigermaßen mutig von den Werbern gewesen, finden Kurator Scheppe und Fotograf Koopmann, die beide auch schon ganz normale Kampagnen für die Tiroler gestaltet haben. So schonungslos, wie man das bei einem freien Projekt hätte fürchten können, wurde es dann doch nicht. Es hätte weiß Gott genug architektonische und sonstige Tiroler Scheußlichkeiten gegeben, sagt der Kurator, doch nur solche Bilder zu zeigen, wäre wohlfeil gewesen, keine Kunst. Es ging darum, zwei eigentlich unversöhnliche Bildwelten zu versöhnen: Hier die auf Sachlichkeit bedachte zeitgenössische Fotografie, die jede Zuneigung zum Gegenstand gleich als Kitsch ablehnt. Dort die Werbefotografie, die immer perfektere, sich von der Realität immer weiter entfernende Bilder erzeugt. Anders, mit dem Kurator gesprochen: „Bei den einen ist der Himmel immer bewölkt, bei den anderen immer blau lackiert.“ In der Tat ist der Himmel oft bewölkt auf den Bildern, es sind Autos zu sehen, mitten in der Natur, auch Stromkabel, Asphalt und Plastikeimer, Dinge also, die in der Tourismusfotografie als absolutes Tabu gelten. Warum eigentlich? Diese Frage, die durch die Ausstellung gestellt wird, weist weit über die Gegenwart und das kleine Land Tirol hinaus. Unsere touristisch bestimmte Sicht auf Landschaften im Allgemeinen und die Berge im Besonderen hat sich im Grunde seit mehr als 200 Jahren nicht verändert. Seit die Reisenden am Übergang von der Klassik zur Romantik die Berge nicht mehr als „schröcklich“, sondern als „erhaben“ und die Bergbewohner nicht mehr als bedauernswerte Arbeitstiere, sondern als eine Art „edle Wilde“ begriffen, unverdorben von den Auswüchsen der Städte, seit dieser Zeit erwartet der Tourist genau das: Urig muss der Älpler sein, unberührt die Natur, in der er lebt. Was Gauguin seine Südseeschönheiten, waren Malern wie Giovanni Segantini oder Franz Defregger faltige Gesichter und schrundige Arbeitshände, in denen sich die gewaltige Bergnatur spiegelte. Philosophisch untermauert von Edmund Burke und Jean-Jacques Rousseau, ging es darum, dass diese erhabenen Landschaften intensive Gefühle im Betrachter auslösten, das durfte auch mal ein „delightful horror“ (Burke) beim Blick in den Abgrund sein. Als „mahlerisch“ oder „merckwürdig“ im Wortsinn gilt also seit der Romantik, was die Maler, später die Fotografen und Werber abbildeten. Es entstand so über zwei Jahrhunderte ein sehr begrenztes Reservoir von festgefügten Sehnsuchtsbildern, die der Reisende im Kopf hat, wenn er sich aufmacht, und die es am Reiseziel zu bestätigen gilt – früher per Aquarell oder Postkarte, heute per Digitalknipse. In der Karibik ist es der menschenleere Palmenstrand, in Venedig die Gondeln samt Seufzerbrücke und in den Alpen ist es das Matterhorn vor stahlblauem Himmel – ohne Zermatter Bausünden und japanische Touristen, versteht sich. Dass man sich dabei selbst belügt, weiß jeder Hobbyfotograf nur zu gut. Die Freiheitsstatue ist viel kleiner als die Weitwinkel-Bilder einen erwarten ließen, die Alhambra sieht man nie so menschenleer wie auf den Postkarten, den Großglockner fast nie in einem solchen Licht. Sei’s drum, wir versuchen trotzdem all das genauso zu knipsen, um zu Hause ein der süßen Illusion möglichst ähnliches Bild herzeigen zu können. Der Gast sei nun aber kritischer geworden, argwöhnen die Touristiker, er durchschaue, wenn man ihm etwas vormache. Die Werbung müsse dem Rechnung tragen. Leider ist in der Sight-Seeing-Ausstellung nicht kenntlich gemacht, welche Motive die Werber ausgewählt haben. Es wird wohl eher nicht die Kirche in der Berglandschaft mit Baustelle davor oder die zwei Mädchen im Dirndl auf der Tankstelle sein. Doch es gibt genügend Bilder, die leise Töne anschlagen, die sich mit ihrem Motiv versöhnen, ohne seine nachteiligen Seiten völlig auszusparen: Ein Bauer etwa, der in großen Schritten von seiner idyllischen Almhütte weggeht, auf dem Rücken nicht einen geflochtenen Korb, sondern eine blaue Plastiktonne. Sie kann der Berglandschaft, in der die Szene spielt, nichts anhaben, sondern setzt einen Kontrapunkt, der das Bild erst interessant macht.


Hans Gasser

Süddeutsche Zeitung, 03. März 2011