Sight-Seeing Sight-Seeing title

In Tirol

oder

Entscheidungen
zum Bild der
touristischen Landschaft

und Essays von

Gero Günther
Walter Klier
Wolfgang Scheppe

Herausgegeben von

Wolfgang Scheppe

Vergangene Ausstellung

Berlin


Sight-_Seeing im Epicentro art

Eröffnung: 9 Juni 2011, 19:00 Uhr

Dauer: 30 Juni 2011

Es begrüßen:

Marc Fiedler, Direktor des Epicentro art und Josef Margreiter, Geschäftsführer der Tirol Werbung.


Innsbruck


Sight-_Seeing im FO.KU.S

Eröffnung: 23 Februar 2011, 19:00 Uhr

Dauer: 19 März 2011

Es begrüßen:

Josef Margreiter, Geschäftsführer der Tirol Werbung und Werbung und Peter Gaugg, Vorstandssprecher der BTV.


Sight-Seeing

Wien


Sight-_Seeing im Künstlerhaus

Eröffnung: 28 April 2011, 19:00 Uhr

Dauer: 15 Mai 2011

Es begrüßen:

Peter Bogner, Direktor des Künstlerhauses und Josef Margreiter, Geschäftsführer der Tirol Werbung.


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Andrew Phelps fotografierte die Räume und Wände der Ausstellung im FO.KU.S, Innsbruck am Tag der Eröffnung.

„Man befriedigt das Verlangen des Touristen nach
Fremdem am besten, wenn er die Bilder seiner eigenen
Vorstellungswelt im fremden Land verwirklicht sieht.“

Daniel J. Boorstin,
„Das Image“, 1961

Einleitung

Am Anfang des Jahres 2010 entstand unter dem Patronat der Tirol Werbung und auf Initiative des Bildtheoretikers Wolfgang Scheppe das Konzept einer Produktion von

Landschaftsfotografie
im Rahmen eines
kollektiven Prozesses.

Ein Unternehmen, das die Spannung zwischen der festgefahrenen Bilderwelt der Touristikwirtschaft und dem ästhetischen Kodex in der zeitgenössischen Fotografie ergründen sollte. Die Resultate eines Kolloquiums sollten die Grundlage für einen Zyklus fotografischer Ansichten abgeben, die die unterschiedlichen Blickwinkel beider Seiten mitreflektierten. Beides, das theoretische wie das praktische Tun, war als gemeinsames Projekt gedacht, in dem der Austausch aller Beteiligten – der Künstler untereinander, der Kuratoren und der Mitarbeiter der Tirol Werbung – explizit eine Rolle spielen und auch noch während der Arbeitsphase in Bildlösungen eingehen sollte. Der Kurator schlug

sieben Fotografen vor,
die lange Erfahrung in der
Reisefotografie und eine
Affinität zur Landschaft
der Alpen mitbrachten.

Die meisten waren es gewohnt, sowohl in einem künstlerischen als auch einem angewandten Kontext zu arbeiten. Die Beteiligten trafen sich zu einem Symposion, das die Illustrations-Bedürfnisse der Touristik-Kommunikation mit den Maßstäben freier Fotografie verglich. Im Anschluss daran entstanden auf vielen einzelnen Reisen im Zeitraum eines halben Jahres und auf dem Wege unterschiedlicher Routen ihre Annäherungen an das Territorium. In einem abschließenden Treffen wurden die Ergebnisse debattiert und gemeinsame Schlussfolgerungen über den Umgang mit dem Bild Tirols gezogen.

Aus dem dabei entstandenen Gesamtarchiv wurden zwei verschiedene Auswahlen getroffen. Die eine nach den Kriterien der Selbstdarstellung des Standorts Tirol durch die Institution der Tirol Werbung, die andere nach denen der Kuratoren und Autoren selbst. Diese letzte Auswahl wird in diesem Buch vorgelegt. Der Versuch, das Bild der Touristik-Kommunikation zu hinterfragen, wurde belohnt mit Erkenntnissen.

Das vorliegende Projekt
„Sight-Seeing“ offenbart
dem Betrachter ungewohnte
Perspektiven.

Und es ist eine Chance, Tirol – dem Land im Gebirg’ – in neuen Einblicken neu zu begegnen.

Josef Margreiter

„Kaum eben sieht man hier mit anderen Augen,
als denen von vorgestern. Das Gebirgswasser hat
eine verabredete Farbe, sie kommt nicht von sich los.
Die Tannen hängen aus dem neunzehnten Jahrhundert
herein, aus tausend matten Bildern. Wie entlegen
ist das Knistern des Wassers seinen Weg entlang,
unaufhörlich, immer dasselbe und in niemandes Ohr.“

Ernst Bloch,
„Alpen ohne Photographie“, 1930

Sight-Seeing Kapitel 02 Sight-Seeing Kapitel 02 Sight-Seeing Kapitel 02 Sight-Seeing Kapitel 02 Sight-Seeing Kapitel 02

Dies ist als Beispiel für den Charakter des Buchs ein Teil des zweiten Kapitels. Es heisst „Sofortbilder“ weil es auf die Fotografiertheit und ikonische Erstarrung der Landschaft reflektiert. Jedes neue Bild Tirols muss, wenn es nicht naiv sein will, diese Verdopplung der Landschaft in sich und ihr manifestes Bild mitdenken.

Layout-Prinzip

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In dieser Animation sieht man am Beispiel des ersten Bildkapitels, wie das Buch zu Sight-Seeing konzipiert ist.

Im den ersten beiden Bildern erkennt man den Zusammenhang der Bilder auf Vorder- und Rückseite eines Druckbögens, bevor er zu Seiten gefaltet und zerschnitten wird.
In den weitern wird gezeigt, wie der Bogen gefaltet wird, um ein Bündel im Buchblock zu bilden.

Der physische Kontext der Bilder auf dem Bogen ist in diesem Buch für das Layout genutzt worden, so dass überstehende Bildteile auf dem selben physischen Blatt Papier zu sehen sind, das aber zwei verschiedene Seiten zeigt.

„Das genormte Grundelement der Reise ist die ‚sight‘,
die Sehenswürdigkeit; sie wird nach ihrem Wert
durch einen, zwei oder drei Sterne klassifiziert.“

Hans Magnus Enzensberger,
„Eine Theorie des Tourismus“, 1958

Im letzten Sommer schickte die
Tirol Werbung sieben internationale
Landschaftsfotografen auf die Reise.
Das war riskant, weil zeitgenössische
Fotografie anders sieht, als das
Werbebild. Am Ende aber offenbarte
„Sight-Seeing“ eine neue Begegnung
mit dem Land im Gebirge.

„Der Tourist würde sich manche Plakatanschauung
abgewöhnen, wenn er vorurteilslos genug ist,
die Augen aufzumachen.“

Kurt Tucholsky,
„Schnipsel“, 1918

Essays

Die Krise des
Naturschönen im Bild


Jeder touristische Sehnsuchtsort
verdoppelt sich in sein
vorgefertigtes Wunschbild.

Es wird entweder mitgebracht – als manifeste ikonische Erwartung, die nur mehr tautologisch erfüllt sein will – , oder es geht unmittelbar in ihn ein, als Aussichtspunkt, als Postkarte, als „typische“ Architektur, als inszenierter Versuch, das Land der vorab gehabten Vorstellung einer Fremdsicht, auf die man sich ökonomisch bezieht, entsprechen zu lassen. Dieses Zirkels halber erstarren die Territorien des touristischen Geschäfts in ahistorischen Fiktionalisierungen. Sie begleiten als Schein von Besonderheit die Verwandlung von Landstrichen und Städten in austauschbare Plätze der Globalisierung, deren Infrastrukturen die immer gleichen des Geschäfts sind.

Die Verselbstständigung einer Folie der Repräsentation, die sich vor allem als visuelle konstituiert, vernichtet das kopierte Original ebenso, wie es den Begriff des Originals, des Authentischen erst hervorbringt.

Sight-Seeing und Sehenswürdigkeit sind Termini, die mit der Reproduktion und der Mediatisierung des Bildes in die Welt kamen. Man kann an ihnen den Zusammenhang von Fotografie, Massenmedien und dem touristischen Sehen ablesen. Sie besagen

den Zirkel des Sehens, der in der
Perspektive des Touristen liegt, den
am Sehnsuchtsort das Bedürfnis
nach einem Wiedererkennen oder
gar nur einer Wiederholung seiner
vorausgesetzten bildhaften
Erwartungen treibt.

Die vorliegende Bildsuche begann mit einer Reflektion auf die gesellschaftliche Praxis der Fotografie und der Etablierung einer besonderen Arbeitssituation, in der sie allen äußerlichen Interessen und vorurteilenden Sichtweisen entzogen war.

Erst ein von persuasiven Absichten freies Bildwissen kann ein Verlangen nach der Fremde wecken, das der Überprüfung durch den sinnlichen Kontakt standhält.

Wolfgang Scheppe

Von der Aneignung
der Berge


Der Mensch ist seinem Wesen
nach halber Nomade.

Gern fühlt er sich irgendwo zu Haus; doch bald muss er weiter. Gern kehrt er dorthin zurück, wo er schon einmal war. Es ist ein ewiges Hin und Her. Am Ende, wenn ihm die Luft ausgeht und er nicht mehr kreuchen kann, wandert er durch seine Erinnerungen, soweit noch vorhanden.

Damit nicht genug. Er muss darüber reden, das Gesehene und Erlebte mit andern teilen. Es genügt nicht, auf dem Mount Everest gewesen zu sein oder dem Winnebacher Weißen Kogel, die andern sollen es auch erfahren. Kaum kann er schreiben, schreibt er auf, liest vor, kaum kann er zeichnen oder malen, tut er dies, und endlich, endlich wird spät in seiner Stammesgeschichte das wichtigste Werkzeug erfunden, Nièpce und Daguerre sei Dank, die tragbare Vorrichtung zum maschinellen Verfertigen von Bildern.

Erst seither kann man wirklich wissen, wie etwas aussieht,

das Basislager von Captain Scott am antarktischen Strand oder, um im Lande zu bleiben, der Blick von den lichten Höhen der Nordkette hinunter auf die Stadt Innsbruck.

Seit der Entstehung der industriellen Gesellschaft mit ihren gestiegenen Einkommen, neuen Freizeitregelungen, dem massenhaft organisierten Reisen und der zunehmenden Entfernung der städtischen Lebenswelt von der „Natur“ (wonach selbe als Erlebnisraum an und für sich erst entstehen konnte, mit den Kontroversen um Definition, Benützung und Schutz, mit denen wir uns heute herumschlagen) etablierte der Berg sich als Ort von „Schrecken und Faszination“. Wenn wir (wie auch die ersten Touristen) im europäischen Umfeld bleiben, so hebt ihn seine individuelle und leicht dramatisierbare Gestalt über die anderen vom Menschen ungeformten und im Grunde unformbaren Landschaften hinaus. Dazu kommt seine – im Vergleich zu den Sand- und Eiswüsten – leichte Erreichbarkeit. Er ist in all seiner Hochfahrendheit überschaubar, handhabbar, in einem modernen Konsumwort „leistbar“.

Walter Klier

„Pictures must not be too picturesque.“

Ralph Waldo Emerson,
„Essays: First Series, Of Art“, 1841

Sight-Seeing Kapitel 06 Sight-Seeing Kapitel 06 Sight-Seeing Kapitel 06 Sight-Seeing Kapitel 06 Sight-Seeing Kapitel 06

Dieser beispielhafte Abschnitt im Buch, er korrespondiert mit dem Bogenbündel 6, heisst „Erhaben“ und ist befasst mit den Regionen an und oberhalb der Baumgrenze. Die Welt der Felsmassive. Der ästhetischer Genuss an der überlegenen und gefährlichen Natur war einer der intellektuellen Auslöser des alpinen Tourismus auch in Tirol.

„Das genormte Grundelement der Reise ist die ‚sight‘,
die Sehenswürdigkeit; sie wird nach ihrem Wert
durch einen, zwei oder drei Sterne klassifiziert.“

Hans Magnus Enzensberger,
„Eine Theorie des Tourismus“, 1958

Biographien

Michael Danner

Michael Danner


ist 1967 in Reutlingen, Deutschland, geboren. Er hat zwischen 1992 und 1999 an der Fachhochschule Bielefeld studiert und zwischen 1995 und 1997 an der University of Brighton, England. Bis 2000 lebte er in London, seitdem lebt er in Berlin.

Er setzt sich in seinen künstlerischen Arbeiten mit der Identität von Orten und Menschen auseinander. Die Auseinandersetzung mit Vertrautem und Fernem erlaubt dem Betrachter einen Zugang darüber, dass die Fremde nicht exotisch mystifiziert wird.

Neben vielen Veröffentlichungen und Ausstellungen sind seine Arbeiten auch in namhaften Sammlungen vertreten und wurden mit zahlreichen Preisen versehen.

Dominik Gigler

Dominik Gigler


ist 1968 in Landshut, Deutschland, geboren. Im Anschluss an Assistenzen bei Werbefotografen begannt er 1992 die Ausbildung an der Staatlichen Fachakademie für Fotodesign in München, die im Sommer 1995 abgeschlossen wurde.

Nach seinem Umzug nach London im Jahr 1995 und einigen Jahren Berufserfahrung folgte 1997–1998 der Master of Arts in Photography am lcp, London. 2009 kehrte er aus Grossbritannien zurück und lebt seitdem in München.

Neben der Teilnahme an diversen Gruppenausstellungen arbeitet er im Bereich redaktioneller und kommerzieller Fotografie. Zu seinen Kunden zählen dabei namhafte Brands und viele etablierte Magazine und Publikationen.

Monika Höfler

Monika Höfler


ist 1977 in München, Deutschland, geboren. Nach einem Praktikum und einem fotografischen Projekt über die Zapatisten in Mexiko studierte sie von 1998 bis 2001 an der Fachakademie für Fotodesign in München und assistierte Porträt-, Mode- und Reportagefotografen. In den Jahren 2003–2004 arbeitete sie in Paris. Sie lebt heute in München.

Als freie Fotografin wurde sie seit 2001 für internationale Magazine tätig, darunter Stern, Brand 1, Geo und viele andere. Ihr Fokus liegt auf Porträts und Reportagen, die oft mit Konflikten der Globalisierung zu tun haben.

Ihr Werk wurde international ausgestellt und für viele Preise nominiert.

Verena Kathrein

Verena Kathrein


ist 1983 in Rum, Tirol, geboren und aufgewachsen. Sie machte ihr Abitur an der htl für Grafik- und Kommunikationsdesign. Danach studierte sie in Wien Kunstgeschichte und begann eine Tanzausbildung. Seit 2003 studierte sie an der Fachhochschule München Fotodesign und machte 2005 ein Praktikum in Kalkutta. Sie lebt in München.

2007 erhielt sie ihr Diplom für eine Abschlussarbeit über Räume und deren Fähigkeit, Erinnerung zu speichern. Anschließend arbeitete sie als freie und feste Assistentin bei Porträt- Dokumentar- und Reportagefotografen.

Jörg Koopmann

Jörg Koopmann


ist 1968 in München, Deutschland, geboren. Er studierte an der Fachakademie für Fotodesign in München. 1993 bis 1996 war er Fotograf der städtischen Münchner Galerie im Lenbachhaus und arbeitet seit 1996 als freischaffender Fotograf mit einem Schwerpunkt auf Bildessays und Reportagen.

Er gründete 2000 das glossy Fotoforum und war als Kurator unter anderem für ein Projekt des Europäischen Parlaments und des Goethe Instituts tätig. Er hielt viele Gastvorträge an in- und ausländischen Hochschulen und Institutionen und initiierte 2009 den Eigenverlag book with a beard.

Seit 1995 wird seine Arbeit in zahllosen Zeitschriften und Büchern publiziert. 2008 verantwortete er eine einjährige Foto-Kolumne im Magazin der Zeit. Er ist in vielen öffentlichen Sammlungen vertreten.

Andrew Phelps

Andrew Phelps


ist 1967 in Mesa, Arizona, usa, geboren. Er studierte 1986 bis 1991 Fotografie an der Arizona State University und am Salzburg College. Danach begann er, dort und an der FH Salzburg Lehraufträgen nachzugehen. Seit 1990 lebt er in Europa.

Phelps künstlerische Praxis steht unter dem Einfluss seiner kulturüberschreitenden Biografie, die ihn zwischen den österreichischen Alpen und den Wüsten Arizonas hin- und herführt.

Er ist der Galerie Fotohof in Salzburg als Kurator und Vorstandsmitglied eng verbunden. Sein in internationalen Ausstellungen gezeigtes Werk wurde mit vielen Stipendien und Auszeichnungen geehrt.

Matthias Ziegler

Matthias Ziegler


ist 1964 in München, Deutschland, geboren. Er studierte von 1998 bis 1990 an der Bayerischen Lehranstalt für Fotografie.

Nach seiner Ausbildung hat er sich mit Reportagen rund um den Erdball zu einem ebenso sensiblen wie genauen Menschenzeichner entwickelt.

Seine Bilder wurden vielfach ausgezeichnet. Ziegler arbeitete für fast alle renommierten internationalen Magazine vom Stern bis zur Vogue. Darüber hinaus produzierte er als angewandter Fotograf Bildstrecken für eine große Zahl globaler Marken.

Wolfgang Scheppe

Wolfgang Scheppe


ist 1955 in München, Deutschland geboren. Er studierte und promovierte an der LMU in München. Er lehrt Philosophie und Bild­theorie an der IUAV in Venedig und anderen internationalen Universitäten. Er lebt und arbeitet in Zürich.

Ausstellung seiner territorialen Untersuchungen, die zugleich auf einem Bildprogramm beruhen und die Rolle des Bildes in der Gesellschaft des Spektakels infrage stellen, waren unter großer Medienaufmerksamkeit in internationalen Museen und zuletzt 2010 auf der Biennale in Venedig zu sehen.

Er publizierte seine Arbeit in vielen Büchern, die fast immer prominent prämiert wurden. Scheppe leitet das Arsenale Institute for Politics of Representation in Venedig.

Karte

„Der merkwürdige Ausdruck »sight seeing«
wurde gleichzeitig mit der Photographie
und der Rotationspresse eingeführt.“

Niklas Luhmann

Kampagne

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„Ich kann nicht hinsehen, wenn es sehr schön ist.“

Boris Michailov,
„Unvollendete Dissertation“, 1998

Geschichte

„Es hat übrigens geklappt“, erzählt Jörg, als wir auf der B 10 Richtung Neumarkt fahren. Wir sind unterwegs, um eine Reportage über einen Jungen zu machen, der sein Kurzzeitgedächtnis verloren hat. Wenn ich mich recht entsinne, hatte ich diesmal die Lederhose an.

„Was hat geklappt?“, frage ich geistesabwesend, die Mappe mit meinen Notizen auf dem Schoß.
„Die Tirol Werbung hat sich zu einer Fotosache entschieden.“
„Super, gratuliere! Das Sommer- oder Wintermotiv?“
„Sommer. Aber diesmal geht es um etwas ganz anderes. Kein Einzelmotiv.“

Der Verkehr läuft zäh, wir sind spät dran, und Jörg redet von diesem „richtig großen Projekt“, einem „Bilderpool“ und einem Fotografen-Kollektiv, das er gerade mit Wolfgang Scheppe zusammenstelle. Jörg und Wolfgang hatten über die Jahre immer wieder zusammengearbeitet, zuletzt an Scheppes großartigem „Migropolis“-Projekt (einem überbordenden Buch über globale Strukturen und Ströme in einer prototypischen Tourismus-Maschine namens Venedig mit Tausenden von Fotografien, Statistiken, Schaubildern, Diagrammen, Essays und Interviews).

Wer ist eigentlich dieser Wolfgang Scheppe? Er lehrt Philosophie, arbeitet aber auch als Künstler und Kurator. Steht in der Tradition des Situationismus und verdient doch sein Geld im Marketing. Einer, der sich der gesellschaftlichen Arbeitsteiligkeit offenbar nicht unterwirft. Zürich, Venedig, New York. Er bewegt sich im Spannungsfeld von Bild und Bildkritik.

Als ich zum ersten Mal mit ihm telefoniere, wird er nach drei Minuten vom „Stalinismus des blauen Himmels“ reden. Man hört ihm die Entschiedenheit an. Das gefällt mir.

Erst viel später verstehe ich, was die beiden vorhaben: Sieben routinierte und renommierte Fotografen sollen in Tirol ausschwärmen, um sich ein Bild vom drittgrößten Bundesland Österreichs zu machen. Keine thematisch orientierten Reportagen sind gefragt, auch nicht die üblichen Werbefotos, sondern

neue Einsichten aus
einem klaren Blick.

Bilder, die etwas über die Region erzählen. Persönliche Bilder, Sehnsuchtsbilder in zeitgemäßer Bildsprache, Contemporary Photography. Die Tirol Werbung will den geeigneten Teil der Ausbeute zu Werbezwecken benutzen, außerdem sollen ein Buch und ein Ausstellungszyklus entstehen. Auftragsfotografie ja, aber Auftragsfotografie mit einem Autoren-Ansatz.

„Genau die Art von
Projekt eigentlich,
die wir uns immer
gewünscht haben:
Die Aussicht lichtet
sich.“

So was. Er wolle nicht nur an den Bildern, sondern auch an den Arbeitsweisen rütteln, sagt Jörg. „Mehrere Schultern sollen das Projekt quasi als Kollektiv tragen“, schreibt er später in einem Mail: „Wenn alle voneinander wissen, spielt Konkurrenzdenken keine Rolle.“

Die Fotografen sind glücklich über die Freiheit, die man ihnen lässt, aber auch ein bisschen unsicher. Karten, Infos und Kontakte haben sie bekommen statt der üblichen Vorgaben. Eigenverantwortung. Zum Glück ist man nicht allein.

„Ganz schön mutig von der Tirol Werbung“, finde ich, „die können sich doch denken, dass auf euren Fotos nicht alles nur rosig aussehen wird.“ Transitverkehr, Massentourismus, Skilifte, DJ Ötzi – Tirol besteht ja zumindest für unsereinen nicht nur aus dem Wilden Kaiser, Speckknödeln und dem Goldenen Dacherl. „Klar ist es mutig“, meint Jörg, aber es sei eben auch

eine Art Forschungsprojekt.

Eine Geschichte mit offenem Ausgang, eine Chance. Eine Chance, sich freizumachen von eingefahrenen Verfahren, Methoden und Lösungen.

„Wird ja auch höchste Zeit, dass sich etwas ändert. Wer will denn heute noch diese eindimensionalen Postkarten-Fotos sehen, diese endlos wiedergekäuten Klischees!“

„Die Leute wissen ja längst,
dass diese Prospektbilder
im Grunde genommen falsch
sind. Dass sie nichts mit ihren
wirklichen Erfahrungen zu
tun haben.“

Es gehe ja nicht darum, Kunst zu machen, fährt Jörg fort, man wolle lediglich einige Methoden der zeitgenössischen Fotografie in einem Bereich anwenden, der sich bisher als extrem innovationsresistent erwiesen hat. „Mal sehen, was dabei herauskommt, wenn man die Erfahrung, Weltläufigkeit und Expertise einer Gruppe handverlesener Fotografen aktiviert, ihre persönlichen Sichtweisen zulässt und sie nicht von vorneherein durch Briefings und Regeln total einschränkt.“
Mitreden, mitbestimmen. Einer der Widersprüche der Branche besteht darin, renommierte „Autoren“-Fotografen zu buchen, diese jedoch als Lieferanten für gehobene Klischees zu missbrauchen. „Sag mal, hast du nicht noch irgendwelche schönen Dörfer“, sagt der Art Director am Telefon. „Du weißt schon so was mit Holzhäusern und bunten Gärten. Schau doch deine Dateien noch mal durch.“ Eine weitverbreitete Furcht unter Reisefotografen äußert sich deshalb in Sätzen wie: „Wenn ich diese Schablone jetzt knipse, wählen sie das garantiert aus“ oder „Hoffentlich drucken sie diesmal nicht wieder nur die Postkartenansichten!“.
Damit sich die Beteiligten des Sight-Seeing-Projekts im Vorfeld kennenlernen und austauschen können, gibt es ein erstes Kolloquium, das am Achensee stattfindet. Annäherungen, Austausch, Transparenz.

Wolfgang Scheppe referiert über das Erhabene, Farbsättigung und den Fetisch der Authentizität. Kunstgeschichte, den Landschaftsbegriff und Ideologiekritik. Das Feld wird abgesteckt. Die Touristiker sprechen von ihrer Heimat, von Identität und guten Locations.
„Einige Vertreter der Tirol Werbung“, erinnert sich einer der Fotografen später, „haben beim ersten Meeting Lederhosen getragen. Die Damen waren im Dirndl erschienen. Das hat uns Jeans-Träger ein bisschen amüsiert.“ Aber dann auch nachdenklich gemacht.
„Ich fand die Mannschaft der Tirol Werbung überraschend offen“, sagt Matthias Ziegler, „ohne großes Getue.
Mir hat diese Bereitschaft, sich auf fremde Konzepte einzulassen, sehr imponiert.“
An einen wichtigen Moment am Ende des Workshops erinnert sich Jörg: „Nach seinem abschließenden Vortrag sagte der Tiroler, der die lokale Filmförderung unter sich hat:

‚Geht hinaus. Schaut es euch
einfach an! Wandert!‘ Diese
Begeisterung war einfach
ansteckend, befreiend!“

Ich muss an Hamish Fulton denken. Jedes Werk des britischen Konzept- und Fotokünstlers beginnt mit dem Wandern. „No walk, no work“ ist seine Maxime. Fulton geht davon aus, dass das Gehen die Wahrnehmung verändert. Das meditative, kontemplative Element dieser Fortbewegungsart beeinflusst seiner Meinung nach auch die Fotos, die dabei entstehen.

Eins steht fest: Tirol ist keine unbekannte Größe. Jeder weiß, wie es in Tirol aussieht oder auszusehen hat. Und jeder, der nach Tirol reist, schleppt einen Umzugskarton an Bildern in seinem Kopf herum. Postkarten, Gemälde, Prospekte und Poster. Vermutlich sind selbstgeknipste Bilder dabei und Fotos von Freunden, die letzten Sommer eine mehrtägige Klettertour im Rofan-Gebirge unternommen haben. Dazu kommen Aufnahmen aus der Sportberichterstattung, aus Heimatfilmen und Fernsehserien wie dem „Bergdoktor“. Wie kann man mit diesem Ballast noch unbeschwert und unvoreingenommen wandern?
„Sag mal“, sagt Jörg bei einem gemeinsamen Brezenfrühstück, „du hast doch kürzlich diesen Typen in Meran interviewt. Diesen Tiroler Tourismusforscher. Hat er etwas Interessantes erzählt?“ Und ob! Ich habe Paul Rösch, den Leiter des Touriseums im Schloss Trauttmansdorff im Rahmen einer Reisereportage getroffen. Zur Vorbereitung auf das Gespräch hatte ich Joseph Rohrers Buch zur Ausstellung gelesen, „Zimmer frei“, gespickt mit Informationen über den Tourismus in Tirol.
„Was willst du wissen?“

Glücklich darüber, meine neu erworbenen Kenntnisse an den Mann bringen zu können, krame ich in meinen Notizen.

Ursprung der Tiroler Bilderflut waren die Darstellungen Andreas Hofers, dessen Freiheitskampf vor dramatischer Bergkulisse die Städter faszinierte. Bilder von wild entschlossenen Tirolern, die in Lederhosen gegen ihre Unterdrücker loszogen, wurden massenhaft reproduziert und hingen in vielen guten Stuben.

Ich ziehe den Kunstband über den Maler Franz von Defregger aus dem Stapel, gebürtiger Tiroler aus dem Pustertal in Osttirol. „Das letzte Aufgebot“, „Heimkehr der Sieger“ oder „Hofers letzter Gang“ heißen seine Beiträge zum Hofer-Kult.

Jörg blättert durch das Buch, erzählt mir, wie sehr er den Maler immer geschätzt habe. Dass in der Wohnung seiner Eltern stets eine Defregger-Reproduktion gehangen habe. „Diese bäuerlichen Szenen beeinflussten mich vielleicht mehr als vieles andere.“

„Viele Berglandschaften Defreggers“, finde ich, „wirken erstaunlich ruhig und schlicht, normal irgendwie.“ Im Gegensatz zu den meisten anderen Malern seiner Zeit hat Defregger das Spektakuläre, Dramatische der Berge offenbar nicht wirklich interessiert. Wir legen Defregger zurück auf den Stapel.

Was Paul Rösch immer wieder betonte, sage ich, war die Tatsache, wie arm Tirol im 18. Jahrhundert gewesen sei. Es fehlte hinten und vorne. Tausende von Tirolern zogen deshalb in die weite Welt hinaus. Als Steinmetze, Zimmerleute, Hausierer, Wanderhändler und Spaßmacher. Der „lustige Tiroler“ war schon bald eine Institution auf den Märkten und Rummelplätzen. „Ein bunter Vogel und wohl auch ein bisschen der Depp aus den Bergen.“ Er trug Tracht, trieb seine Scherze, jodelte, jauchzte und schlug sich auf die Schenkel. „Alleweil lustig.“ Die extravaganten

Gesänge und Tänze der
ausgelassenen Bergler
faszinierten die Menschen
und waren, vermute ich,
„die früheste Form der
Tirol Werbung“.

Manche Gesangsgruppen aus dem Zillertal wurden international so berühmt, dass sie wie die Rainer Family 1827 in Windsor vor dem englischen Königshaus jodelten. Mit dem Geld bauten sich die Erfolgreichsten Gasthäuser und Hotels.

1801 schickte ein Wiener Verleger den Landschaftsmaler Ferdinand Runk in die Alpen. 250 Zeichnungen brachte Runk in seiner „Sammlung der vorzüglichsten mahlerischen Gegenden von Tyrol“ heraus. Es folgten Dutzende von Künstlern, die sich auf die Reise in die Tiroler Berge begaben. Kaiser Ferdinand I. ließ sich 1833 einen Guckkasten bauen, in dem er eigens dafür gemalte Aquarelle im Format 50 × 40 cm betrachtete. 16 der 302 Blätter zeigten Motive aus Tirol. Die Sehnsucht nach dem

Wilden und Ursprünglichen,
nach schaurig-schönen
Landschaften und
anmutigen Dörfern

begründete den alpinen Tourismus. Eisenbahnstrecken und Grand Hotels wurden gebaut, Wirtshäuser eröffnet.

Und schon früh kamen die Tiroler den Touristen entgegen. Ab 1870 wurden Verschönerungsvereine gegründet, Misthaufen aus dem Dorfkernen verbannt, Spazierwege angelegt, Bänke an wichtigen Aussichtspunkten aufgestellt. Eine florierende Andenkenindustrie entstand. Kellnerinnen wurden angeregt, knallrote Dirndl zu tragen. Das würde die Geschäfte anheizen. Schon damals hagelte es Kritik und Hohn. „Affenkostüme“ schrieben die Gegner solcher pseudofolkloristischer Maßnahmen.

Und schon 1880 klagte man darüber, dass die Einheimischen alles an die wohlhabenden Touristen verkauften, was nicht niet- und nagelfest war. Truhen, Bilder, Kruzifixe, ganze Altäre, Chorgestühle und Türen wurden verscherbelt.

Inzwischen hatte auch die Bergsteigerei in den Alpen Tirols Einzug gehalten. Alpenvereine wurden allerortens gegründet. Zivilisationsmüde Städter erklommen die Gipfel und begannen um die Jahrhundertwende mit dem Skilaufen. Am Gipfel waren Erinnerungs- und Beweisfotos von Nöten. Während bei der ersten Fotoexpedition auf den Montblanc noch 25 Träger 200 Kilogramm Ausrüstung schleppten, hatten 1910 bereits jeder fünfte Bergsteiger seinen eigenen Apparat dabei.

„Und heute“, sagt Jörg, „wiegen die Knipsen oder Handys nur noch 200 Gramm und man kann direkt am Gipfel anschauen, was man aufgenommen hat.“ „Und es gleich als mms verschicken.“
„Obendrein ist das Netz da oben oft besser als in Obersendling.“

Gero Günther

„Die Leute reisen, um etwas zu sehen,
von dem sie schon wissen, dass es da ist.“

Daniel J. Boorstin